Kölner Dom mit Ei-Kunstwerk

The Power of Vision (Foto: #Morrien | Grafische Bearbeitung: Tobias Lehnen)

Fiktionalfeature von Thomas Haensgen für New Business Times

Das Ei des Kolumbus – neu gedacht

30 Meter hoch, 24 Meter breit und ziemlich schwer. Das Ei vorm Dom. Der ist zwar noch höher, noch breiter und auch noch deutlich schwerer – aber die Botschaft des auf dem Domvorplatz im Zentrum von Köln platzierten Eis ist nicht weniger schwer als die seines bulligen und pompösen Nachbarn. Sie lautet: Wir dürfen endlich wieder Vertrauen fassen und ruhig werden. Indem wir glauben, was wir aus Erfahrung wissen und schließlich auch mit eigenen Augen sehen können: Werden und Vergehen geschieht tatsächlich ohne unser Zutun. Das neue Leben wächst im Ei heran, ohne dass wir etwas schaffen müssen.

Irgendwie eine beruhigende Nachricht. Gerade in Zeiten wie diesen, wo ständig verlangt wird, irgendetwas zu tun. Bloß nicht zur Ruhe kommen, immer in Bewegung bleiben. Selbst, wenn es nichts zu tun gibt – irgendwas wird getan. Oder zumindest drüber kommuniziert. Per Instagram, Facebook, Telegram oder welche vornehmlich digitalen Kanäle es sonst noch so gibt. Das Ei erzählt eine andere Geschichte. Es birgt ein Geheimnis. Eines, das sich die Zeit nimmt, die es eben braucht, bevor es sich offenbart. Das Ei ist ein Zukunftsversprechen.

Ein symbolträchtiger Ort

An einem Platz, wo vor fünf Jahren in der Silvesternacht 2015/2016 zeitgleich hunderte Frauen von unzähligen Männern Gewalt angetan wurde, steht das Ei. Sexualisierte Gewalt, die es auf die Würde des Weiblichen abgesehen hatte. Und die gleichzeitig im Schatten des Domes jene Dominanzstrukturen als kollektive Demütigung bündelte, die wir im Alltag nur als vermeintliche Einzelschicksale wahrnehmen, was sie aber nicht sind. Zumindest wenn man sich die Zahlen anschaut, die belegen, dass mehr als 300 Frauen jährlich durch ihre (Ex-)Partner ermordet wurden.

Das Ei auf dem Domplatz ist mit seinen 30 Metern Höhe zwar klein – gemessen an den Ausmaßen der Kathedrale. Dennoch ist es ein Anfang. Der den Weg weist, Ausgleich zu schaffen im Laufe der Zeit. So wie sich der Dom aufreckt – machtvoll und starr – wächst an seinem Fuße das neue Leben heran. Die Dualität der beiden Türme, die Polarisierung, die dieses oder jenes meint, stark oder schwach ist, wird aufgebrochen und erweitert. Sie wird zur Dreiheit und damit zu einem linearen Zusammenspiel nicht nur von zwei Prinzipien oder Elementen, sondern von dreien, die kein polares Verhältnis eingehen. Und so für Gleichgewicht sorgt. Irgendwo zwischen positiv und negativ. Zwischen heiß und kalt. Zwischen hell und dunkel.

Ein simples Versprechen

Im Ei vereinen sich Werden und Vergehen. Schlüpft das neue Leben, reißt die alte Haut. Kein Leben ohne Sterben. Das ist das Prinzip organischer Transformation. Auf dem Domplatz hat das Ei seinen Platz gefunden. Es verspricht uns eine lebendige Zukunft – selbst in der Zeit der Krise. Mit einer zärtlichen Geste von Stärke, die niemanden dominieren, wohl aber alle beschenken will.

An einem Platz, wo Frauen als Vertreterinnen des weiblichen Prinzips schon immer von allen Ämtern in den Zentren der Macht ausgeschlossen werden. Ausgeschlossen und nicht wert, führend zu wirken. Doch wer dies nicht darf, droht als Geschlecht unsichtbar zu werden. Und wer unsichtbar ist, kann kein Recht geltend machen, wenn Unrecht geschieht.

Perfektion in Form

Und mehr noch. Das Ei spiegelt die Proportionen der Goldenen Spirale nahezu perfekt wider, indem es sich aus dem Nullpunkt heraus immer weiter dem Goldenen Schnitt annähert. Luca Paciolo, der Lehrer Leonardo da Vincis schrieb in seinem Werk „De divina proportione“ (Über die göttliche Proportion) dem Goldenen Schnitt die wesentlichen Eigenschaften Gottes zu: Einheit und Einzigartigkeit, Dreifaltigkeit, Unmöglichkeit in menschlichen Termini ausgedrückt zu werden, Unvergänglichkeit und als letztes den sich aus dem Goldenen Schnitt aufbauenden Pentagondodekaeder: „Wie Gott Leben durch die fünfte Essenz in den Kosmos atmete und in die vier Elemente und in jedes in der Natur existierende Ding, so flößte der Goldene Schnitt Leben in den Dodekaeder“. Damit ist das Ei realgeometrischer und symbolischer Ausdruck göttlicher Schöpferkraft, die das Leben schenkt.

Die Frau hinter der Schenkung

Portrait Birgitt E. Morrien

Birgitt E. Morrien | © Rendel Freude

Gestiftet wurde das Ei von Birgitt E. Morrien aus Fördermitteln der von ihr gegründeten „Morrien Foundation für organische Transformation“, um ein Zeichen zu setzen. Nicht nur für die Weiblichkeit im generellen, sondern dafür, sich stärker an den Grundprinzipien des Lebens zu orientieren, wenn es darum geht, zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln.

Konstruiert aus dem gleichen Material, aus dem auch ein großer Teil des Kölner Dom gebaut ist: Sandstein. Ein Nachteil dieser weicheren Steine ist, dass sie nicht sonderlich widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse sind. Wie man an der Fassade des Kölner Doms gut beobachten kann. Hier wird dieser Nachteil jedoch zum Teil der Story – und damit zum Vorteil. Was die Zeit ebenfalls zeigen wird.

Eine lange Tradition

Mit der Schenkung des 30 Meter hohen Eis führt Birgitt E. Morrien, ihres Zeichen Nachfahrin von Ferdinand Reichsfreiherr von Morrien, eine Familientradition fort, die bereits im 17. Jahrhundert mit der Schenkung eines goldenen sechszackigen Sternes mit Diamantenbesatz an den Reliquienschrein der Heiligen Drei Könige (1684), dem Herzstück des Doms, seinen Anfang nahm. Als Nachfahrin einer alten uradeligen Linie geht es Morrien mit diesem klaren Symbol darum, einer starken Vision von Zukunft ebenso einfach wie wirksam Gestalt zu verleihen.

„Das Ei steht insbesondere in dieser durch Corona geprägten Krisenzeit für neues Leben, das vom Zentrum aus in alle Richtungen strahlt, um uns alle zu inspirieren“, so die US-diplomierte Kommunikationswissenschaftlerin. „Das Ei lässt man in Ruhe, um es wachsen zu lassen. Hier liegt der Schlüssel fürs Gelingen im Nichtstun, darin, Dinge geschehen zu lassen. Eine Schwangere, die sich selbst Gutes tut, sich genug Ruhe gönnt, sich Zeit für sich nimmt, begünstigt so das in ihr wachsende neue Leben.“

PS: Was meinen Sie, was wächst in dem Ei heran, das diese Zeit so dringend braucht, um den Wandel zu bewältigen, der uns so fordert? Antworten bitte an: kontakt@eiei.art

Fakten folgen einer starken Vision: Als Mäzenin der ersten Stunde tritt mit Eva-Susanne Stockmeyer eine fundierte Kunstkennerin auf die Bühne, die einer Dynastie früher Beuys-Förder:innen entstammt. Stockmeyer glaubt an das kathedrale Ei-Vorhaben von Birgitt Morrien und möchte dabei sein, wenn es in Köln eingeweiht wird. Mit ihrem ersten großzügigen finanziellen Beitrag möchte die Nürnbergerin das in ihren Augen wegweisende Kunstprojekt befeuern und ein wirksames Startsignal aussenden

Hinweis: Der Autor hat sich von dem Essay „Zukunftsversprechen“ inspirieren lassen, den Birgitt Morrien in ihrem Blog  Coaching-Blogger >Themen >Essays veröffentlicht hat.
Mehr Informationen: FeedbackHintergrundMedienresonanzFörder:innen

Geben Sie uns Ihr Feedback zu diesem Projekt und teilen Sie diesen Beitrag gerne mit Ihren Freunden und Bekannten: